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Der mächtige San Quintin-Gletscher schiebt sich vom Campo de Hielo Norte, vom nördlichen Inlandeis, bis auf Meereshöhe hinunter und zerfällt an seiner Front.

Patagoniens 'warme' Gletscher

Von Angelika Jung-Hüttl

Aktuell | August 2017

„Die Gletscher in Patagonien gehören zu den schnellsten und am stärksten temperierten Gletschern auf der Erde“, sagt die Glaziologin Michele Koppes von der Universität in Britisch-Columbia, „und sie sind besonders erosiv.“ Sie hobeln also auch die Landschaft stärker ab als die Eisriesen anderswo auf der Welt.
Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun. Die steigenden Temperaturen beschleunigen nämlich die Eiszungen, die von den großen Inland-Eisfeldern in den Anden, vom Campo de Hielo Norte und dem Campo de Hielo Sur, teilweise bis auf Meereshöhe hinab fließen, und lassen sie rasch abschmelzen - mit weitreichenden Folgen.

Der San-Rafael-Gletscher: Sein Eis kriecht nicht nur besonders schnell talwärts, sondern ist auch noch besonders blau.

Das ist der schnellste: Der San-Rafael-Gletscher schiebt sich mit einer Geschwindigkeit bis zu 7,6 Kilometern pro Jahr vom nördlichen Eisfeld Patagoniens, dem Campo de Hielo Norte, hinunter bis in Meereshöhe, in die Laguna San Rafael. Das sind umgerechnet knapp 21 Meter pro Tag. Der San-Rafael-Gletscher ist 45 Kilometer lang und 2,5 Kilometer breit. Die Eiswände an seiner Front sind an die 70 Meter hoch.

Die Eisberge, die vom San-Rafael-Gletscher brechen, können Flutwellen auslösen und dadurch Touristenschiffe gefährden.

Warum ist das Eis so schnell und warum ist es "warm" ... ? Forscher unterscheiden zwischen temperierten oder "warmen" und kalten Gletschern. Die warmen Gletscher liegen in den „wärmeren“ Breiten der Erde, in der gemäßigten Klimazone mit einer  Jahresdurchschnittstemperatur von ungefähr bei 10 Grad Celsius (bei einer Schwankungsbreite von minus 30 bis plus 30 Grad Celsius).  Sie sind vor allem im Sommer von Schmelzwasser durchströmt. Dieses entsteht primär an ihrer Oberfläche, fließt durch Löcher – die sogenannten Gletschermühlen – und Spalten ins Innere der Eismasse und spült dort ganze Tunnelsysteme aus. Dazu kommt das Wasser, dass durch den Eisdruck im Innern des Gletschers entsteht (Druckaufschmelzung). Es sickert bis zum Fels am Grund des Gletschers durch und wirkt dort wie ein Schmierfilm. Die „warmen“ Gletscher können daher vor allem im Sommer viel schneller zu Tal kriechen als die „kalten“ Gletscher an den Polen, in Grönland und in der Antarktis, die oft am Untergrund festgefroren sind. Der Grund: Die Eismassen der kalten Gletscher tauen im Sommer nur oberflächlich etwas auf, ansonsten liegen ihre Temperaturen das ganze Jahr immer und oft weit unter dem Gefrierpunkt.

... und warum ist es so blau? Immer, wenn Gletschereis sehr dicht ist, also nur wenige Luftbläschen enthält, schluckt es einen großen Teil des Sonnenlichts. Nur das blaue Licht wird reflektiert. Das Eis erscheint daher blau. Von vielen Luftblasen durchsetztes Eis dagegen streut das Licht und es erscheint daher weiß oder grau.

Der Pared Norte-Gletscher, ein Nachbar des San-Rafael-Gletschers, transportiert Unmengen von Gesteinsschutt in einen See.

Je schneller das Gletschereis fließt, desto stärker ist seine Erosionskraft. Das bedeutet, desto mehr Gestein schürft es von seinem Felsuntergrund ab und schleppt es mit sich fort, wobei tiefe Täler unter dem Eis entstehen.  Dazu kommt der Schutt, der von oben, von den umgebenden Bergen auf das Eis fällt.

Wie auf einem Förderband transportiert der Viedma-Gletscher den Gebirgsschutt zu Tal.

Die 35 Kilometer lange und etwa zwei Kilometer breite Eiszunge des Viedma-Gletschers fließt aus dem zweiten großen Eisfeld Patagoniens, dem Campo de Hielo Sur, in den Schmelzwassersee an seiner Front, den Viedma-See. Er liegt auf argentinischem Gebiet. Der Schutt, der aus den Felswänden an den Flanken des Viedma-Gletschers herausgebrochen und auf das Eis gestürzt ist, wird dabei in langen Bändern, den Moränen, aus dem Gebirge hinaus transportiert.

Welche Folgen der klimabedingte Gletscherschwund hat, zeigt sich besonders deutlich am Colonia-Gletscher, der sich - wie auch der San-Rafael-Gletscher - vom Campo de Hielo Norte herunterzieht.

Gefahr durch Eisschmelze: Vom Colonia-Gletscher können verheerende Flutwellen ausgehen.

Seine Eiszunge hat sich in den letzten Jahrzehnten stark zurückgezogen. In dem ehemaligen Gletscherbett liegt heute ein See, gefüllt mit Schmelzwasser. Die Sedimentmassen, die der Gletscher aus den Gebirge abtransportiert und bei seinem Rückzug abgelagert hat, bilden eine Art Landbrücke mit Durchlass-Kanal.  Sie bremst den Abfluss des Schmelzwasser und der Eisberge, die darin treiben.

Gefahr droht durch den Schmelzwassersee ein paar Kilometer gletscher-aufwärts am rechten Eisrand, dem Lago Cachet II.  Mehrmals im Jahr wird dort der Druck auf die Gletscherzunge durch den ständigen Nachfluss so groß, dass das Schmelzwasser den Gletscherrand durchbricht. Die Wassermassen fließen jedoch nicht oberirdisch auf dem Eis ab, sondern stürzen durch ein natürlich ausgespültes Tunnelsystem im und unter dem Eis des Colonia-Gletschers talwärts, quellen in gewaltigen Strudeln an der Gletscherfront wieder hervor und ergießen sich in den großen Schmelzwassersee.
Von dort rauscht das Wasser dann durch den Kanal in der Landbrücke und gefährdet weiter talwärts einige Dörfer und deren Landwirtschaft (auf dem Bild nicht sichtbar). Zwei bis dreimal im Jahr steigen dort aufgrund des auslaufenden Sees hoch oben in den Bergen die Wasserpegel innerhalb weniger Stunden bis zu sechs Meter an. Felder und Weiden werden überflutet, Straßen und Häuser zerstört.

Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden haben deshalb vor ein paar Jahren nahe dem Gletscherrand am Lago Cachet II ein Frühwarnsystem installiert. Damit lässt sich der Pegel im See überwachen - und ein bevorstehender Ausbruch vorhersagen. Chilenische Glaziologen aus Punta Arenas (Universität Magallanes) erforschen derzeit die Beschaffenheit des Eisrands am Colonia-Gletscher, warum das Eis dort dem Wasserdruck plötzlich nachgibt, und den Weg, den das ausbrechende Seewasser in der Eiszunge des Colonia-Gletschers nimmt.

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hat Satellitenbilder von den Eisfeldern Patagoniens aus 20 Jahren ausgewertet, und die Gletscherbewegungen jetzt anhand einer Kartendarstellung veröffentlicht.

Die beiden großen Gletscherfelder in den patagonischen Anden sind zusammen 17 000 Quadratkilometer groß – gut 4000 Quadratkilometer misst das Nordfeld, etwa 13000 Quadratkilometer das Südfeld.  Das Campo de Hielo Sur ist die größte Eismasse auf der Südhalbkugel nach dem Eispanzer der Antarktis.

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