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Im Rhythmus von Ebbe und Flut strömt Wasser bis in die Täler zwischen den Bergrücken des alten Kimberley-Gebirges und lagert dort seine Sedimentfracht ab.

Gezeiten-Spektakel

Von Angelika Jung-Hüttl

Geology illustrated | August 2018

Eine der eindrucksvollsten Gezeitenlandschaften der Erde liegt an der Nordwestküste Australiens, in der Region von Kimberley. Der Tidenhub beträgt dort 10 bis 12 Meter und ist der höchste auf der Südhalbkugel.

Mächtige, von Mangrovenwäldern gesäumte Gezeitenkanäle mäandern über unendlich weite Schwemmebenen, aus denen die Felsrücken des uralten Kimberley-Gebirges herausragen.

Die gigantischen Wassermassen, die dort alle sechs Stunden im Wechsel von Ebbe und Flut auf Land auflaufen und sich wieder zurückziehen, lagern den Verwitterungsschutt dieses alten Gebirges ständig um. Sie spülen Unmengen von Sand, an einer Stelle fort und setzen ihn andernorts wieder ab.

  • Ord-River-Delta: Von Mangroven gesäumte Gezeitenkanäle.
  • Roter Wüstensand in einem Gezeitenkanal im King Sound.

Das spektakulärste Phänomen in dieser Gezeitenlandschaft, die sich zwischen dem Indischen Ozean und dem australischen Kontinent erstreckt, liegt jedoch 20 Kilometer vor der Küste im Meer – es ist das Montgomery Riff.

Das Montgomery Riff ist eine gigantische Felsenplattform, etwa 80 Kilometer lang, bei einer Fläche von etwa 400 Quadratkilometern. Das ist mehr als doppelt so groß wie das Fürstentum Liechtenstein.

Bei Flut liegt die Plattform unter Wasser. Nur ein paar kleine Felsinseln sind am Rand des Riffes zu sehen, und drei von Sandbänken umkränzte und von Mangroven bewachsene Eilande im Zentrum des Riffs.

Das Montgomery Riff ist mehr als doppelt so groß wie das Fürstentum Liechtenstein.

Doch wenn sich das Meer bei Ebbe zurückzieht, taucht das Riff aus dem Ozean auf wie der Rücken eines gigantischen See-Ungeheuers.

Das Wasser sprudelt in schäumenden Kaskaden von seinen Rändern.

Tiefe Kanäle öffnen sich im Riff, die von tosenden Wasserfällen gespeist werden, und die wie reißende Gebirgsflüsse mit einer Geschwindigkeit bis zu 3 Metern pro Sekunde in den Indischen Ozean hinaus strömen.

Einer der Gezeitenkanäle auf dem Riff, die sich bei Ebbe in reißende Flüsse verwandeln.

Warum das Wasser am Riffrand zu tosen beginnt ... Bei Ebbe fällt der Wasserspiegel im Meer rund um das Riff innerhalb von 6 Stunden um bis zu 10 Meter.  Der Wasserstand sinkt dabei um die Plattform herum viel schneller als das Wasser, das das Riff bei Flut überdeckte, aus den Lagunen auf der Riffplattform nachfließen kann.

Wie bei einem überlaufenden Swimmingpool strömt daher ständig Wasser von der Plattform nach - und stürzt und sprudelt an den Rändern einige Meter hinab in das sich zurückziehende Meer. Das Riff mit seinen Inseln, Sandbänken und seinen Lagunen scheint dabei immer weiter über das Wasser hinaus zu wachsen. Bei Tiden-Tiefststand kann die steil abfallende Riffkante den Meeresspiegel bis zu 4 Meter überragen.

  • Bei Ebbe stürzen Wasserfälle in die Gezeitenkanäle ...
  • ... und Kaskaden ergießen sich über die Ränder des Riffs.

Das Montgomery Riff ist kein Korallenriff im herkömmlichen Sinn. Zum einen ist es wesentlich jünger als andere Riffe, so wie etwa das berühmte Great Barriere Riff an der Ostküste des australischen Kontinents, das seit Jahrmillionen in die Höhe wächst, während der Meeresboden dort aufgrund von Bewegungen in der Erdkruste sehr langsam aber stetig absinkt.

... es ist vergleichsweise jung. Das Montgomery Riff ist erst 6000 Jahre alt. Es entstand erst nach der letzten Eiszeit, als die Eismassen an den Polen schmolzen und infolge davon der Meeresspiegel weltweit um etwa 120 Meter anstieg.  Das Meer überschwemmte den küstennahen Bereich des Kimberley-Gebirges. Dabei geriet auch der Tafelberg unter Wasser, dem heute das Montgomery Riff aufsitzt.

... und es wird hauptsächlich von Rotalgen aufgebaut. Zum anderen besteht dieses Riff nur zu einem geringen Teil aus Korallen. Der größte Teil wird von Rotalgen aufgebaut, die Kalk aus dem Meerwasser herausfiltern. Sie bilden daraus keine Stützskelette wie die auf dem Untergrund festsitzenden Korallentierchen.  Die Rotalgen, die frei im Wasser treiben, nehmen den Kalk in ihre Zellwände auf, ummanteln sich damit, sinken ab und schließen sich dann zu dicken Matten zusammen, welche den felsigen Untergrund überziehen. Sie bauen die girlandenförmigen Strukturen auf, die - aus der Luft gesehen - bizarre Muster auf dem Meeresboden bilden.

Die netzartigen Kalkterrassen des Montgomery Riffes werden hauptsächlich von Rotalgen aufgebaut.

Das hat der australische Forscher Barry Wilson vom Westaustralischen Museum und seine Kollegen vom benachbarten Meeresinstitut in Perth erst vor ein paar Jahren herausgefunden, als sie den Felssockel  unter dem Riff und den Aufbau des Riffes genauer untersuchten.

Einen Tidenhub von 10 bis 12 Metern und sogar noch höher gibt es sonst nur noch an der Fundy Bay in Nova Scotia/Kanada (bis zu 15 Metern), in der Bretagne in Frankreich, im Bristolkanal zwischen Wales und England und im Penschinabusen im Ochozkischen Meer im Pazifik.

Was noch interessant ist: Die zentralen Inseln des Montgomery Riffes und einige der Felsinseln waren über Jahrtausende hinweg bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bewohnt.  Aborigines von großer, kräftiger Statur – einige erreichten eine Körpergröße von über 2 Metern - haben dort gewohnt. Sie hatten sich perfekt an die Lebensumstände in der extremen Gezeitenzone angepasst. In den 1930er Jahren sind sie jedoch plötzlich verschwunden. Wie ein Stamm von über 300 Menschen so plötzlich wie vom Erdboden verschluckt werden konnte, ist bis heute ein Rätsel.

Mehr Bilder von Bernhard Edmaier

Kommentar
elk | 07.12.2018

was soll dieses wort bedeuten? "mäandern"

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